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Mit dem Rad zur Arbeit – eine Liebeserklärung

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Der Weg ist das Ziel“ – blöder Spruch, dachte ich, solange ich ihn nicht verstanden hatte. Was er wirklich bedeutet, wurde mir erst im Laufe meiner mehr oder weniger täglichen Fahrten mit dem Rad zur Arbeit klar.

Mit dem Rad zur Arbeit, 16 bis 18 Kilometer einfach das Hügelland um Stuttgart rauf und runter fahren – schwitzen, duschen, Zeit verlieren? No way, nicht für mich, dachte ich – zum Glück sollte es anders kommen. Schon lange war ich bei Paul Lange & Co. intern für die Abwicklung und das Sponsoring der Gemeinschaftsaktion von AOK und ADFC „Mit dem Rad zur Arbeit“ zuständig. Tausend Mal berührt, tausend Mal ist nichts passiert – dann hat es „Zoom“ gemacht. Nicht, dass Herbert Grönemeyer Pate gestanden hätte bei meinen „Gehversuchen“ mit dem Bike. Ein paar Mal bin ich schon mit meinem quasi historischen Trekkingrad, einem der ersten Accordo GT, zur Arbeit gefahren. Meine diesbezüglichen Bemühungen erhielten aber einen ordentlichen Dämpfer, als unser Geschäftsführender Gesellschafter, Bernhard Lange, mit einem kurzen Blick auf das Schaltwerk knurrte: „Mit dem Ding kommst Du mir nicht auf den Hof!“ So weit, so schlecht. Ein neues Bike musste her, aber was? Mounty? Zu langsam und zu schwer. Rennrad? Zu speziell und transportieren kann man damit auch nichts. City-/Trekkingrad? Zu langweilig, so alt fühlte ich mich nun auch noch nicht. Wie gesagt, dann hat es „Zoom“ gemacht. Die Erleuchtung kam in Form eines Crossbikes, für mich die eierlegende Wollmilchsau.

Es ist wie so häufig im Leben, ist das Glas halb voll oder halb leer? Böse Zungen behaupten, ein Crossrad kann nichts richtig. Ich bin da anderer Meinung. Es ist
flott auf der Straße, halbwegs Gelände tauglich und ein leichter Gepäckträger passt auch dran. Und in Verbindung mit Schutzblechen, einem Sport-Nabendynamo und moderner LED-Beleuchtung ist es prima alltagstauglich. Genau richtig für meine Bedürfnisse, der Anfang einer neuen Zeitrechnung und die Entdeckung der Langsamkeit, soweit ein 30er Schnitt dazu zählt …

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Apropos 30er Schnitt, ich bin ruhiger geworden. Am Anfang meiner Fahrten gab es nur eins: Kette rechts und nach Möglichkeit von einer Rekordfahrt zur nächsten hecheln. Die Augen immer auf das kleine Kästchen, den schnuckeligen Cateye Strada Computer gerichtet, der mir genau die Informationen liefert, die ich brauche: Speed, Zeit und daraus resultierend, den Schnitt. Keinen Blick für den Tau, der im Morgenlicht auf den Weiden glitzert, vorbei an den glücklichen argentinischen Angus-Rindern, die sich einen Teufel um den bunten Vogel auf dem Crossbike scheren, der an ihnen vorbei saust.

Mit dem Rad zur Arbeit, das können auch kleine Fluchten sein. Alltagsfluchten, große oder kleine – man muss nur genau hinschauen, schon verreist man in der Fantasie. Genießt die Sonne im Gesicht, freut sich an den Farbenspielen der Natur im Wechsel der Jahreszeiten und findet sogar Gefallen am Winter. Wer jemals morgens mit dem Bike eine jungfräuliche Spur im frischen Schnee gezogen hat, weiß was ich meine. Der Schnee glitzert im Scheinwerferlicht, und es ist still, einfach u n g l a u b l i c h still. Dass der tagsüber zertretene und dann festgefrorene Schnee den Weg abends zur schier unfahrbaren Hoppelpiste machen kann, sei nicht verschwiegen. Mit dem Rad zur Arbeit ist auch Balsam für die Seele. Man führt imaginäre Gespräche, plant oder verarbeitet den Tag und kommt entspannt am Ziel an.

Die Vorbeifahrt an den drei Frauen mit ihren fünf Hunden, die ich morgens mit schöner Regelmäßigkeit auf dem Feldweg von Kornwestheim nach Zazenhausen treffe, ist streng ritualisiert. Von weitem hören sie die 120 Dezibel laute Kompressorfanfare, sie drehen sich um und sehen den 60 Lux starken Scheinwerfer. Brav versammeln sie ihre Wufftis „bei Fuß!“, während ich mit gut 35 km/h an ihnen vorbeizische, nicht ohne ihnen ein freundliches „Morgen“ zuzurufen. Um nicht falsch verstanden zu werden, ich habe nichts gegen Fußgänger – doch, manchmal schon – und auch nichts gegen Hunde, haben selber einen, weshalb ich mit der Überlegung schwanger gehe, einst einen „Ratgeber für Hundeführer & Radfahrer“ zu schreiben. Macht das Sinn? Wahrscheinlich nicht – eher wird der Nahe Osten befriedet.
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Zurück zur Langsamkeit. Mein Radweg von Ludwigsburg nach Bad Cannstatt (Stuttgart) ist meistens sehr schön und bar aller Konkurrenzkämpfe zwischen Autofahrern und Radfahrern einerseits und Radfahrern und Fußgängern andererseits. Ausnahmen bestätigen die Regel ..! Er beginnt morgens am Favorite-Schloss, einem sehr hübschen Jagd- und Lustschloss aus den Anfängen des 17. Jahrhunderts. Immer wieder spannend – kommt mir auf dem Fußweg, Bottwartal- / Ecke Marbacher Straße ein Fahrradfahrer oder Fußgänger entgegen, kurz gesagt, schepperts oder schepperts nicht? Die von der Stadtverwaltung vorgesehene Wegführung über diverse Ampel gespickte Fußgängerüberwege ist zeitlich vollkommen inakzeptabel. Kein vernünftiger Mensch, d.h. Radfahrer, benutzt sie. Deshalb geht es den kürzesten Weg über die Fußgängerbrücke auf die andere Seite der Marbacher Straße. Eigentlich müsste ich hier absteigen und schieben und könnte dann einen Blick in den sehr schönen Park des Residenzschlosses werfen. Den kenne ich zu Genüge, deshalb keine Frage – Fahren statt Schieben! Es geht weiter auf dem breiten Fußweg. Ein (fast) unübersehbares blaues Zeichen auf dem Weg informiert Fußgänger und Radfahrer darüber, dass sie sich den Weg teilen müssen. Wer wo geht, steht oder fährt wird bei jeder Begegnung von neuem ausgehandelt, notfalls per Klingel. Ein paar Liter weiße Farbe für eine Trennlinie würden in dem Bereich Klarheit schaffen, meistens jedenfalls.

Stehen in der Kölner Innenstadt Licht-Werbekästen mit Slogans „Ich fahr Fahrrad weil, …!“, sieht man in Ludwigsburg die Mobilität aus der Perspektive einer Windschutzscheibe. Der dämliche Slogan „Ich shopp barock und park umsonst“ zeigt in erschreckender Deutlichkeit, dass das Fahrrad in Ludwigsburg noch nicht „in der Mitte der Gesellschaft“ angekommen ist. (Fairerweise sei angemerkt, dass sich auch Ludwigsburg zunehmend um das Wohl der Radler bemüht.)

Weiter geht es auf dem guten Radweg entlang des Schlosses, der nur am Wochenende von Touristen bevölkert ist, die nicht wissen, dass sie auf dem falschen Pfad wandeln. Vom südlichen Eingang des Schlosses führte der Weg bis Oktober 2010 jahrzehntelang verbotener weise durch die sogenannte „Bärenwiese“. Danach hatte die Stadtverwaltung ein Einsehen, dass Kinder schwerlich ihr Fahrrad mit Schultasche die Rampe der stinkenden Unterführung hoch schieben können und gab den bisher Fußgängern vorbehaltenen Fußweg endlich für Radler frei.

Die letzten 300 Meter Anstieg gen Süden grenzen zur einen Seite an Tennisplätze und den Salonwald und zur anderen Seite an das schönste Ludwigsburger Villenviertel. Dieser Abschnitt ist ganzjährig super gepflegt; im Herbst liegt trotz des angrenzenden Parks kein Blatt und im Winter ist dies das am besten geräumte Teilstück …

Nach reichlich zwei Kilometern Anstieg auf der Karlshöhe angekommen ist der Kreislauf gut in Schwung. Der Blick schweift ins häufig im Morgennebel liegende Stuttgarter Neckartal und je nach Jahreszeit geht die Sonne über der ca. 30 Kilometer entfernten Albhochfläche auf. Schön! Der trotz der Entfernung deutlich sichtbare Schornstein der gegenüber der Firma liegenden Müllverbrennungsanlage mahnt, sich nicht in Urlaubsfantasien zu verlieren. Bei der folgenden „Schussfahrt“ Richtung Kornwestheim muss man sich im Wortsinn warm anziehen. Auf Höhe des Golfplatzes gibt es einen Temperatursturz, der einem so manchen kalten Schauer beschert. Nach der wenig erbaulichen Durchfahrt von Kornwestheim, die mir bisher nur die Erkenntnis verschafft hat, dass Schulkinder auf dem Fahrrad enorme Schwierigkeiten haben, selbst kurze Anstiege zu bezwingen, geht es auf Feldwegen etwa zwei Kilometer ständig leicht bergab nach Zazenhausen und im Weiteren auf einer Anliegerstraße durch das Naturschutzgebiet „Unteres Feuerbachtal“ nach Mühlhausen. „Ab-In-Den-Urlaub“ möchte man meinen. Dieser gesamte Abschnitt ist Radfahrerglück pur: Kette rechts, den Rennlenker im Untergriff, geht hier richtig Post ab. Der Schnitt steigt beharrlich und nähert sich langsam aber sicher der 30er Grenze. Die entgegenkommenden Alltagsfahrer kennt man schon. Ein lässiger Gruß mit der linken Hand und weiter gehts durch Mühlhausen an den Neckar Richtung Bad Cannstatt. Auch hier kann man das Radeln genießen. Keine Autos weit und breit, nur eine geteerte Straße zwischen dem Flussufer linker Hand und malerischen Weinhängen rechter Hand. Auf dem Heimweg ist es hier zappenduster. Der Scheinwerfer frisst sich ins Dunkel und der Radler freut sich, wenn der Lichtkegel bei Walkern, Joggern, Fußgängern und Hunden möglichst frühzeitig auf irgendwelche Reflektoren trifft.
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Highlight dieses letzten Streckenabschnitts, bis zum Firmenstandort in Bad Cannstatt, ist ein neuer, gut ein Kilometer langer Radweg, den der Stuttgarter Fahrradbeauftragte der Stadtverwaltung abgerungen hat. Das Besondere an dem Radweg ist, dass die rechte Spur der vormals zweispurigen Ausfallstraße zu Gunsten des Rad-Schnellwegs umgewidmet wurde. Wahrlich eine Sensation in der Autostadt Stuttgart, die, wie die Praxis zeigt, tadellos funktioniert. Warum jedoch immer noch etwa ein Drittel der Radfahrer den hoppeligen (Fuß-)Dammweg dem super glatten Asphalt des Radwegs vorzieht, gehört zu den Tatsachen, die man nicht wirklich verstehen muss.

Das Beste zum Schluss. In der Firma angekommen, ist Duschen angesagt. Nach einer so schweißtreibenden Aktion ist das einfach wunderbar. Deshalb ein Appell an alle Arbeitgeber: Bitte richtet Sozialräume ein, mit Duschen, Spinden und Trocknungsmöglichkeiten für Radklamotten. Und, auch wichtig, überdachte Abstellanlagen, möglichst nah am Arbeitsplatz. 2007 wurde Paul Lange & Co. als erste Firma bundesweit vom ADFC als „Fahrradfreundlicher Betrieb“ zertifiziert. Seitdem ist der Anteil der KollegenInnen, die mit dem Rad zur Arbeit kommen, deutlich gestiegen. Lohn der Mühe: Im Jahr 2010 haben über 50 MitarbeiterInnen an der Gemeinschaftsaktion von ADFC und AOK „Mit dem Rad zur Arbeit“ teilgenommen, sind im Aktionszeitraum mehr als 42.000 Kilometer gefahren und hatten jede Menge Spaß dabei.

Fazit: „Der Weg ist das Ziel“, gilt auch für die Bemühungen der Städte für eine fahrradfreundliche Infrastruktur. Fahrradfreundliche Städte sind kinder- und seniorenfreundliche Städte, schlichtweg liebenswerte Städte mit hoher Aufenthaltsqualität. Jeder Euro, der in die Verbesserung der Fahrradfreundlichkeit fließt, kommt doppelt und dreifach als Return of Investment pro Umwelt und Gesundheit zurück. Leider gehört interdisziplinäres Denken (Wirtschaft, Umwelt, Verkehr, Gesundheit) noch nicht zu den hervorragenden Eigenschaften der Politik und Verwaltungen. Anders ist nicht zu erklären, warum den Städten jeder Euro pro Fahrrad mühsam abgerungen werden muss.

Ich bin heilfroh, das Radfahren in meine täglichen Abläufe integrieren
zu können, dabei Zeit und Geld zu sparen, entspannt in der Arbeit und zu Hause anzukommen und das gute Gefühl zu haben, einen winzigen Beitrag zur „Rettung der Welt“ leisten zu können. Dampfend zu Hause angekommen möchte ich extra meine Kinder „umärmeln“, die schreiend weglaufen: „Nein Papa, Du stinkst!“ Dabei wissen (fast) alle, außer meinen Kindern, dass frischer Männerschweiß nicht muffelt. (Frauen transpirieren!)

Zum Schluss eine kleine Anekdote aus dem Leben eines Alltagsfahrers. Bei den Fahrten zur Arbeit und zurück lerne ich mehr Menschen kennen, als in der mit „Autisten“ vollbesetzten S-Bahn. Mit einem Mountainbiker führte ich ein anregendes Gespräch, dass kurz durch das Überfahren einer „orangen“ Ampel unterbrochen wurde. Ziemlich unüblich, der Biker wechselte vor der Ampel auf den Fußweg und dahinter gleich wieder auf die Straße. Die Unterhaltung war so gut, dass wir am Ende der Fahrt die Visitenkarten austauschten. Und so lernte ich den Leiter der Polizeidienststelle in Bad Cannstatt kennen … blog_fs_4_11_cw_495

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